Industriedesignerin Victoria Juretko gestaltet die gynäkologische Untersuchung neu. Das ist ihr Weg zum Start-up.

Bild: zVg
In ihrer Master-Thesis in Industrial Design (Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW) unterzieht Victoria Juretko das Spekulum einem Re-Design. Das Instrument für die gynäkologische Vorsorgeuntersuchung dient Ärzt*innen dazu, den Gebärmutterhals und den oberen Teil der Vagina zu inspizieren. Juretkos Arbeit wird aber nicht allein auf ein neues Design des Medizinalproduktes abzielen. Sie gestaltet die frauenärztliche Untersuchung und somit die Patient*innenerfahrung um.

Bild: zVg
Etappe 1: Die Idee
Victoria Juretko will zum Abschluss des Master-Studiums in neues Gebiet eintauchen – die Medizintechnik –, nimmt aber eine vertraute Situation ins Visier: Die gynäkologische Vorsorgeuntersuchung. «Für viele Frauen ist diese unangenehm oder sogar schmerzhaft. Etwas, das man ‹halt› über sich ergehen lassen muss.»
Ginge es anders? Angenehmer? Juretko ist es wichtig, sich dieser Situation aus weiblicher Perspektive und mit einer Haltung des Mitgefühls zu nähern. Sie unterzieht das Spekulum einem Re-Design. Statt kaltem Metall verwendet das neuartige Spekulum «Pea» – von Sex Toys inspiriert – Kunststoff, der sich angenehmer anfühlt. Sie arbeitet an der optimalen Ergonomie. In ihrem Konzept lässt Juretko den Frauen die Option offen, ihr eigenes Instrument zum Untersuch mitzunehmen und es allenfalls auch selber einzuführen.
«Victoria Juretko nimmt ein relevantes und lange wenig hinterfragtes Thema auf. Es geht nicht nur um ein funktionales Produkt, sondern um den Impuls für eine patientinnenorientierte Gestaltung in der Medizin. Die Masterarbeit ist ein Beispiel dafür, wie Design gesellschaftlich relevante Themen aufgreift und durch Gestaltung neue Handlungsräume eröffnen kann.»
Etappe 2: Der Master-Abschluss ist erst der Anfang
Victoria Juretko will PEA auf den Markt bringen. Mit dem Master-Abschluss kommt auch die Produktentwicklung in Fahrt. Das Peva Project mit dem Spekulum PEA ist geboren.
PEA ist ein medizinisches Produkt, das hundertprozentig jederzeit sicher sein muss. Es braucht eine Zulassung und eine Zertifizierung. Die regulatorischen Anforderungen sind hoch und detailreich. Dazu gehören zum Beispiel umfangreiche Tests mit Ärzt*innen und Patientinnen, die Sichtung der Rückmeldungen und allenfalls Anpassungen am Produkt. Herstellungsverfahren müssen festgelegt und dokumentiert werden.
«Es ist ein harter Weg», so Victoria Juretko. «Alles geht länger und ist teurer als gedacht. Ein Glück, bin ich nicht mehr allein.» Drei Frauen mit unterschiedlicher Fachexpertise sind mittlerweile im Team, um das Projekt gemeinsam voranzutreiben.
Auch verdient wird (noch) nichts. Frisch ab Studium komme sie mit wenig Geld gut zurecht, sagt Juretko. Erstaunlich gross sei dafür der tägliche Wissenszuwachs im Bereich Medizintechnik, aber auch der Unternehmensführung.

Future Health

Bild: zVg
Etappe 3: Neue Sichtbarkeit
Um weiterzukommen, bewirbt sich das Peva Project um Förderfinanzierungen. Mit Erfolg: Die Gebert Rüf Stiftung vergibt im Rahmen ihres Unterstützungsprogramms für unternehmerische Fachhochschul-Studierende 50 000 Franken. Das ist Ende 2024.
Im Oktober 2025 wird das Peva Project am ersten Swiss Gender Medicine Symposium in Bern in der Kategorie: «Research Entering the Phase of Practical Application» ausgezeichnet.
Innovation Basel ehrt das Peva Project Ende 2025 mit dem Jury-Preis wie auch dem Publikumspreis.
Ein weiteres Highlight ist der Design Preis Schweiz 2025 in der Kategorie Young Professionals.
Victoria Juretko: «Gesehen zu werden und Wertschätzung zu bekommen, motiviert uns.»
Etappe 4: Schritt für Schritt zur Markreife
Seit Anfang 2026 läuft die Testphase in Zusammenarbeit mit einem Spital im Kanton Zürich und weiteren Frauenärztinnen-Praxen. Das Ziel: Sammlung und Auswertung der Rückmeldungen zu Handhabung, Komfort und Akzeptanz von PEA. Der geeignete Kunststoff wird spezifiziert, des Herstellungsverfahren wird festgelegt.
Aktuell ist Victoria mit zwei weiteren Co-Founderinnen aktiv am Einwerben von Drittmittelns, um die weitere Forschung und Entwicklung des Projektes zu unterstützen. Peva Project ist zudem als Forschungsprojekt an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW verankert. Nicole Schneider: «Parallel zur laufenden Drittmittelbeschaffung wurde ein Advisory Board aufgebaut, um das Team in Fragen der Unternehmensgründung und der nachhaltigen Finanzierung zu begleiten. Angesichts der Tatsache, dass aktuell nur rund 15 Prozent der Investitionen in Europa in weiblich geführte Start-ups fliessen, arbeiten wir zudem daran, neue Netzwerke zu schaffen, die Projekten wie diesem bessere Zugänge zu Finanzierung und Unterstützung ermöglichen.»

Masterstudio Industrial Design
Das Studium im Masterstudio Industrial Design positioniert sich an drei Forschungsschwerpunkten der Gegenwart: Digital Integration, Design Cultures und Circular Design. Advanced Design beschreibt Handeln und Haltung. Welche Gesellschaft in welcher Umwelt braucht welche Designlösungen?
