Die Basler Markthalle: ein lebendiger Treffpunkt in der Basler Innenstadt, direkt beim Bahnhof SBB. Menschen kommen und gehen, zum Essen, Einkaufen oder Kaffeetrinken. Seit Mitte August kann man hier noch etwas anderes tun: Reden.

Im Café Finkmüller ist der Raum dafür da: Hier hat die «Ansprechbar» ihr Quartier bezogen, ein Peer-Projekt für Jugendliche und junge Erwachsene. Wer zwischen 15 und 25 Jahre alt ist, kann vorbeikommen, ohne Anmeldung und ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob das eigene Anliegen wohl «gross genug» für Unterstützung ist. In der Ansprechbar warten Gleichaltrige – junge Erwachsene in derselben Lebensphase, die aufmerksam zuhören und speziell für diese Aufgabe geschult wurden. Ob es um Einsamkeit geht, um Liebeskummer, Stress oder um Dinge, für die man selbst vielleicht noch gar keinen Namen gefunden hat: Im geschützten Setting der Ansprechbar findet all das Platz. Dreimal pro Woche haben die «Listener», so heissen die Gesprächspartner*innen, ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Gäste.
Ansprechbar - kurz und knapp
24 junge Menschen hatten sich zum Projektstart bereits als Listener ausbilden lassen, nach dem Semesterstart kommen in einer weiteren Schulung fast genauso viele dazu. «Ich habe schon Geschichten von langen Wartezeiten in der Psychotherapie gehört. Oder davon, dass Leute nicht mitmachen konnten, weil ihr Problem ‹zu klein› erschien», erzählt eine Person über ihre Motivation. Eine andere sagt: «Ich habe einen jüngeren Bruder, bei dem ich merke, dass er zu wenig soziale Kontakte hat. Da wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, dass es so ein Angebot gibt.»
Die Lücke zwischen Alltag und professioneller Hilfe füllen
Den Anstoss für das Projekt gab die Psychiatriekommission beider Basel. Bereits 2022 identifizierte sie einen Mangel an niederschwelligen psychosozialen Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene und wandte sich mit der Frage nach einer möglichen Umsetzung an die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Es folgten eine Machbarkeitsstudie, Gespräche mit Personen aus der Praxis und die Suche nach einer Erstfinanzierung.
Auch eine Jugendbegleitgruppe brachte ihre Perspektive in die Entwicklung ein: Wie sollte das Angebot aussehen, wie würde man junge Menschen erreichen? «Wir konnten dazu Input geben, weil wir selbst Gleichaltrige sind, die Ähnliches erleben und uns hineinversetzen können, was jemanden ansprechen würde», erinnert sich eine Person, die die Aufbauphase miterlebt hat und nun als Listener dabei ist.
Sarah Bestgen vom Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW hat die Aufbauphase in enger Kooperation mit den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) geleitet. Für sie setzt das Angebot im Präventivbereich an: «Es geht um eine Entlastung der bestehenden gesundheitlichen Versorgungsstruktur. Nicht in dem Sinn, dass wir schwere Fälle auffangen, die psychotherapeutische Unterstützung brauchen, sondern eher im Sinn von Prävention: dass man schon früh Hilfe bekommt, bevor es zu grösseren Problemen kommt.» Manchmal könne schon eine Anlaufstelle, bei der jemand zuhört, einiges bewirken.
Mit diesem Konzept bewegt sich die Ansprechbar bewusst im Zwischenraum zwischen persönlichem Umfeld und professionellem Versorgungssystem, zwischen alltäglicher Belastung und akuter Krise.
Ansprechbar
Zuhören mit Netz und doppeltem Boden
Die professionelle Struktur hinter dem niederschwelligen Ansatz wird auch vor Ort sichtbar. Lalitha Chamakalayil, Psychologin am Institut Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, sowie die Psycholog*innen Gian Covo und Elinor Sager von den UPK Basel begleiten das Angebot als Fachpersonen. Sie sind zur Stelle, falls sich im Gespräch zeigt, dass Besuchende weitere Hilfe benötigen. Falls nötig, übernehmen sie das Gespräch und vermitteln an passende Hilfs- und Unterstützungsangebote. Auch die Listener werden fachlich begleitet: Jedes Gespräch wird nachbesprochen, Unsicherheiten werden aufgegriffen. Ebenso wichtig ist die Frage, wie es den Listenern selbst nach einer Begegnung geht. Peer-Unterstützung schafft hier einen anderen Zugang, bleibt aber fachlich abgesichert.
Wie das konkret aussehen kann, zeigte sich schon bei einem der ersten Gespräche. Die Listener bemerkten, dass die besuchende Person grossen Gesprächsbedarf hatte und offenbar gern einen persönlicheren Kontakt zu ihnen hergestellt hätte. «Was uns in den ersten Gesprächen auffällt: Einsamkeit ist für junge Menschen ein wichtiges Thema», sagt Lalitha Chamakalayil. In der Nachbesprechung bestärkte sie die Listener in ihrem Vorgehen und überlegte mit ihnen, was sie der Person zusätzlich hätten mitgeben können: etwa den Blick auf das, was ihr in diesem Gespräch bereits gelungen war – auf andere zuzugehen, sich zu öffnen und unkompliziert in Kontakt zu kommen. Fähigkeiten also, die auch ausserhalb der Ansprechbar helfen können, Beziehungen aufzubauen.
Nach knapp zwei Wochen Ansprechbar-Betrieb zieht Gian Covo ein erstes Fazit. Dass ein solches Angebot Zeit brauche, um bekannt zu werden, sei erwartbar. Entscheidend sei zunächst weniger die Zahl der Gespräche: «Wenn die ersten Personen kommen und merken, ‹das ist etwas, das ich weiterempfehlen kann›, dann ist das die wertvollste Bestätigung – einfach, dass jemand aus dem eigenen Umfeld davon erzählt.»
Das Thema trifft einen Nerv
Während die Ansprechbar vor Ort mit einer Anlaufphase rechnet, war die öffentliche Resonanz von Beginn an aussergewöhnlich gross. SRF und RTS berichteten mehrfach, TeleBasel brachte die Ansprechbar ins Fernsehen, auch Radio X, Radio Energy und die bz Basel griffen das Thema auf. Medien aus Frankreich und Deutschland haben sich ebenfalls angekündigt.

Dass Medien aus unterschiedlichen Regionen und Sprachräumen nahezu gleichzeitig auf die Ansprechbar aufmerksam wurden, verweist auf eine breitere gesellschaftliche Frage: Wo finden junge Menschen Unterstützung, wenn sie reden möchten, aber noch keine professionelle Hilfe suchen?
Auch aus Fachkreisen kamen rasch Rückmeldungen. «Wir haben vor allem aus der Westschweiz viel Resonanz erhalten», erzählt Sarah Bestgen. Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin aus Genf möchte selbst ein ähnliches Angebot aufbauen. Gian Covo berichtet zudem von Initiativbewerbungen von Fachpersonen: «Es wird schon ans Expandieren gedacht. Das ist zwar spannend, aber unser Fokus liegt natürlich erst einmal darauf, uns jetzt gut aufzugleisen.»
Viele schauen jetzt nach Basel
Aktuell geht es also noch nicht um Expansion, sondern um Basel – und um die Frage, ob sich der Ansatz dort im Alltag bewährt. Der eigentliche Test findet weiterhin am Ansprechbar-Tisch im Café Finkmüller statt. Dort zeigt sich, wie frühe Unterstützung aussehen kann, bevor aus Belastungen Krisen werden – und welche Bedingungen es braucht, damit ein so niederschwelliges Angebot langfristig trägt.
Die Ansprechbar, die vom Gesundheitsdepartement, der Christoph Merian Stiftung, der Thomi Hopf Stiftung sowie weiteren Partner*innen unterstützt wird, ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Nach der Aufbauphase übernimmt nun Roger Kirchhofer die Projektleitung und damit die Aufgabe, den Regelbetrieb weiterzuentwickeln und zu strukturieren. Dabei wird es nicht nur darum gehen, wie viele junge Menschen den Weg an den Tisch finden. Ebenso interessant ist, was sich aus ihren Gesprächen lernen lässt: über die Themen, die sie beschäftigen, über Zugänge zu Unterstützung und darüber, welche Rolle Zuhören in der Prävention psychischer Belastungen spielen kann.
Was in der Markthalle so einfach aussieht – ein Tisch, ein paar junge Menschen und Zeit für ein Gespräch –, ist damit zugleich ein Versuch, eine anspruchsvolle Frage praktisch zu beantworten: Wie früh kann Unterstützung beginnen?
Kontakt
Sarah Bestgen
- Telefon
- +41 62 957 21 01
- sarah.bestgen@fhnw.ch
Lalitha Chamakalayil
- Telefon
- +41 61 228 52 65
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