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Demokratische Aushandlungen von inklusivem Unterricht mit Hilfe eines partizipativen Zugangs (IFO 2023)

Raphael Zahnd | 8. Februar 2023

Die 36. Jahrestagung der Inklusionsforscher:innen (IFO 2023) widmete sich dem Thema «Internationale und demokratische Perspektiven auf Inklusion und Chancengerechtigkeit». Franziska Oberholzer und Raphael Zahnd nutzten die spannende thematische Setzung, um der Frage nachzugehen, in welchem Verhältnis das Teilprojekt Partizipative Unterrichtsentwicklung aus dem SNF-Projekt Primarschulen im Spannungsfeld von Inklusion und Bildungsstandards zum Thema Demokratie steht. Dies ist aus verschiedenen Gründen eine spannende Frage.

Spätestens seit der Ratifizierung der UN-BRK und deren Forderung nach inklusiven Schulen als Regelfall, hat sich die Diskussion um das Verhältnis von Schule, Demokratie und Inklusion verdichtet (Zenke 2022). Im Fokus steht dabei aber nicht nur die Demokratie als Staatsform, vielmehr betrifft sie auch die Verhältnisse im Unterricht. Inklusiver Unterricht soll nicht nur die Teilhabe aller Schüler*innen ermöglichen (Biewer 2001), sondern diese auch als aktive Akteur*innen für dessen Ausgestaltung miteinbeziehen. Im Rahmen des Beitrags haben wir diese Perspektive auch kritisch beleuchtet und auf die Vielfalt der Debatte verwiesen, wie auf den nachfolgend abgebildeten Slides deutlich wird:

Das Projekt lässt sich am Besten in Bezug zu denjenigen Diskursen setzen, die demokratische Bildung als zentrale Aufgabe der Schule sehen und deshalb in ihr demokratische Prozesse erlebbar machen wollen. Dies ohne dabei zu verneinen, dass in der staatlichen Schule klare, hierarchische Strukturen sind, die es eben gerade nicht zulassen, dass Schüler*innen qua Mehrheit über alles bestimmen können. Dennoch gibt es sehr grosse Spielräume, um Schüler*innen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und deren Miteinbezug ist viel mehr eine Chance als ein Risiko.

Ein solches Verständnis beinhaltet auch spannende Perspektiven für die Forschung. Es verweist auf die Bedeutung, im Forschungsprozess demokratische Leitlinien zu berücksichtigen und alle Akteur*innen einzubeziehen, indem sie nicht nur als «Befragte» fungieren, sondern als Co-Forschende. Gerade der Miteinbezug aller Akteur*innen repräsentiert ein demokratisches Anliegen, was sich auch darin zeigt, dass «der Begriff Partizipation» in der «Demokratisierungstheorie» (Wöhrer et al. 2017, 142) bedeutsam ist. Auf dem nachfolgenden Slide (rechts) wird deutlich, wie dieser Prozess im Projekt ausgestaltet ist. Alle Beteiligten sammeln Daten zum Unterricht bzw. zu den Fragen, wo sie inhaltlich und sozial teilhaben können und wo nicht. Anschliessend werden diese Daten als Grundlagen für ein gemeinsames Reflexionsgespräch mit der Forscherin verwendet, um daraus die wichtigsten Aspekte zu den genannten Fragen zu verdichten. Die Verdichtung aller Perspektiven kann danach genutzt werden, um Unterricht weiterzuentwickeln.

Das interessante an diesem Vorgehen ist, dass es sich auch wissenschaftlich begründen lässt. Erkenntnisse aus der partizipativen Forschung weisen darauf hin, dass die Berücksichtigung möglichst vieler Perspektiven eine umfassendere Analyse komplexer Problemstrukturen ermöglicht (vgl. Pohl/Hirsch Hadorn 2008; von Unger 2014), eine solche wird auch dem inklusiven Unterricht zugeschrieben (vgl. Werning 2014). Hervorzuheben ist zudem, dass insbesondere die Perspektive der Schüler*innen bei der Erforschung von inklusivem Unterricht bis heute nur wenig beachtet wird (vgl. Wöhrer et al. 2017), dabei ist gerade ihre Perspektive für dessen Entwicklung als äusserst relevant einzuschätzen (vgl. Buchner u.a. 2016; Florian/ Beaton 2018). 

Aus Projektperspektive bleibt die spannende Frage für uns letztendlich diejenige, ob ein demokratisch orientiertes, partizipatives Forschungssetting für die Entwicklung inklusiven Unterrichts genutzt werden kann. Die bisherigen Ergebnisse aus dem Projekt deuten klar darauf hin, denn …

…der Austausch im Rahmen eines geschützten Settings ermöglicht es, Probleme und Herausforderungen im Unterricht gemeinsam zu identifizieren und dabei allen Akteuren im Klassenzimmer eine Stimme zu geben.

…durch das partizipative Setting der Forschung können nicht nur Probleme und Herausforderungen gefunden, sondern auch Lösungen konzipiert werden, die im Sinne aller Beteiligten sind.

…das partizipative Setting trägt nicht zuletzt dazu bei, demokratische Gefässe, die in der Schule bereits vorhanden sind, gemeinsam mit den Lehrpersonen und den Schüler*innen weiterzuentwickeln. Insbesondere den Dialog zwischen den Lehrpersonen und den Schüler*innen zu stärken sollte ein zentraler Bestandteil der partizipativen Forschung in (inklusiven) Schulen sein. 


Oberholzer, F., & Zahnd, R. (2023, Februar 8). Demokratische Aushandlungen von inklusivem Unterricht mit Hilfe eines partizipativen Zugangs [Einzelbeitrag]. Internationale und demokratische Perspektiven auf Inklusion und Chancengerechtigkeit, 36. Jahrestagung der Inklusionsforscher:innen.


Literatur

Buchner, T. (2018). Die Subjekte der Integration. Schule, Biographie und Behinderung. Klinkhardt.

Florian, L., & Beaton, M. (2018). Inclusive pedagogy in action: Getting it right for every child. International Journal of Inclusive Education, 22(8), 870–884. https://doi.org/10.1080/13603116.2017.1412513

Kost, A., Massing, P., & Reiser, M. (2020). Handbuch Demokratie. Wochenschau Verlag. https://doi.org/10.46499/9783734409523

Reichenbach, R. (2007). Demokratische Erziehung oder Politische Bildung? In B. Rolf, K. Draken & G. Münnix (Hrsg.), Orientierung durch Philosophieren. Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Fachverbands Philosophie e. V. (S. 63–77). LIT Verlag.

von Unger, H. (2014). Partizipative Forschung. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-01290-8

Wöhrer, V., Arztmann, D., Wintersteller, T., Harrasser, D., & Schneider, K. (2017). Partizipative Aktionsforschung mit Kindern und Jugendlichen. Von Schulsprachen, Lebesorten und anderen Forschungsdingen. Springer VS.

Zenke, C. T. (2022). Die Schule als inklusive „Demokratie im Kleinen“? Zum Verhältnis von inklusiver Pädagogik und demokratischer Bildung. Zeitschrift für Inklusion. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/674

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