Zwei Lehrerinnen geben Einblicke, wie ihre Schülerinnen und Schüler KI nutzen – und wie sie im Unterricht auf eine lernförderliche Nutzung hinarbeiten.
«ChatGPT ist mein Bro!» Christina Holzwarth erzählt mit einem Schmunzeln von einer Anekdote, die sie kürzlich im Chemieunterricht am Gymnasium Kirschgarten in Basel erlebt hat. Sie hatte der Klasse eine Aufgabe gestellt und ein Schüler beantwortete sie völlig falsch. Es stellte sich heraus, dass er die Antwort mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) erstellt hatte. Auf die Frage, ob er denn die KI-Antwort nicht kritisch hinterfragt habe, kam eben diese Antwort: «ChatGPT ist mein Bro!»
Was lustig klingt, ist Zeichen einer Entwicklung. «ChatGPT und ähnliche KI-Tools werden von den Schülerinnen und Schülern oft genutzt. Das gehört zum Alltag», sagt Holzwarth. Für die Deutsch- und Chemielehrerin ist klar: «KI kann lernförderlich eingesetzt werden, sie kann aber auch lernhemmend sein. Wir müssen an den Schulen den Kindern und Jugendlichen KI-Skills lehren – und wir müssen dies schnell tun.» Denn in den letzten drei Jahren habe es eine rasche Entwicklung gegeben und die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die KI nutzen, sei deutlich angestiegen.
Und dies nicht nur auf der Sekundarstufe II. «KI ist bei uns nicht wegzudenken und wird von den Schülerinnen und Schülern ab der 7. Klasse eingesetzt», sagt Simone Meier, die an der Sekundarschule in Therwil BL unterrichtet. Umso wichtiger sei es, «dass sie einen guten, kritischen Umgang mit den Tools lernen und nicht ‹herumwursteln›». Dafür brauche es eine stete Begleitung in allen Fächern. «Im Fach Medien und Informatik lernen die Klassen zwar den kritischen Umgang mit KI, oft denken sie aber ein paar Lektionen später in einem anderen Fach bereits nicht mehr daran.»
KI birgt Risiken und bietet Chancen
Doch wie kann ein kritischer Umgang mit ChatGPT im Unterricht gelingen und wie können Lehrpersonen KI-Tools gewinnbringend im Unterricht einsetzen? Studien dazu gibt es noch wenige. Anke Schmitz, Leiterin der Professur Deutschdidaktik und ihre Disziplinen am Institut Sekundarstufe I und II der PH FHNW hat gemeinsam mit ihrem Team und der Professur Berufspraktische Studien und Professionalisierung Sekundarstufe II vor gut einem Jahr eine Studie an der Sekundarstufe II in einem Gymnasium und einer Fachmittelschule durchgeführt. Sie trägt den Titel «KI im Deutschunterricht: Kritische Nutzung von ChatGPT auf der Sekundarstufe II» (vgl. Text unten). Zu ihrem Team gehört auch Christina Holzwarth, die neben ihrer Tätigkeit am Gymnasium Kirschgarten auch an der PH FHNW arbeitet. Entstanden sind dabei Instrumente – ein Modell, ein Video und eine Prompt-Bibliothek –, die Lehrpersonen dabei unterstützen, KI nicht als unkontrollierbare Herausforderung, sondern als didaktisch gestaltbare Ressource zu begreifen, um Lernprozesse von Schülerinnen und Schülern gezielt zu fördern. Der Fokus liegt dabei auf dem Deutschunterricht und der Frage, wie KI lernförderlich eingesetzt werden kann, um den Schülerinnen und Schülern das Verständnis von anspruchsvollen Texten zu erleichtern.
Gefahr des Skill-Skipping
Denn gerade beim Lesen von Texten setzen Jugendliche oft auf KI-Tools und lassen diese die Texte knapp zusammenfassen oder fordern einfachere Versionen an. «Oft lesen sie die Originaltexte gar nicht mehr selbst», haben sowohl Simone Meier als auch Christina Holzwarth festgestellt. «Grund dafür ist meist ein falsch verstandenes
Effizienzdenken», so Holzwarth. «Das Bewusstsein, dass sie dadurch eine essenzielle Fähigkeit, nämlich das Lesen, verlieren könnten, ist dabei wenig präsent.» Dieses sogenannte Skill Skipping ist besonders gefährlich, wenn es eine Basiskompetenz wie das Lesen betrifft, die in allen anderen Fächern ebenfalls für gelingendes Lernen benötigt wird.
Deshalb wird aktuell auch in Therwil ein Leseförderkonzept erarbeitet, in dem mitunter der Umgang mit KI thematisiert wird. Darin fliesst unter anderem auch die erwähnte Prompt-Bibliothek aus dem Projekt der PH FHNW ein. «Ich arbeite dabei unter anderem mit dem KI-Tool Fobizz», erklärt Simone Meier. «Fobizz ermöglicht es den Lehrpersonen zu sehen, welche Prompts die Schülerinnen und Schüler eingegeben haben und wie sich die Resultate entwickeln», so Meier weiter. Zudem können Kriterien eingegeben werden, sodass die Jugendlichen ein KI-generiertes Feedback mit Punktzahlen erhalten. Gerade das Nachvollziehen und Beobachten der Prompts und der Outputs sei hilfreich und könne gut mit den Schülerinnen und Schülern thematisiert werden. «Sie erkennen so, welche Prompts hilfreich sind, und lernen auch, wo sie Unterstützung benötigen.»
Auch für Christina Holzwarth ist das Sichtbarmachen von Prompts im Sinne von Visible Learning ein wichtiger Punkt. «So wird ersichtlich, wo Lernprozesse stattfinden und wo es um blosse Effizienzsteigerung geht.» Deshalb sei es auch essenziell, mit den Klassen zu thematisieren, was gute Prompts sind und wie man dahin gelangt. Weiter könnten die KI-Tools auch so genutzt werden, dass sie die Rolle eines Quizmasters übernehmen – eine umgekehrte Rolle, in dem der Chatbot knifflige Fragen formuliert. «So müssen dann die Schülerinnen und Schüler wieder den aktiven Part übernehmen.»
Ihre Doppelrolle als Gymnasiallehrerin und Dozentin an der PH FHNW empfindet Christina Holzwarth «als Riesenglück». «So kann ich meine Erfahrungen am jeweils anderen Ort einfliessen lassen.» Auch an der PH und bei ihren Studierenden ist der Umgang mit KI, das Lehren mit sowie ohne KI, ein grosses Thema. «Hier ist es wichtig, dass wir die Studierenden immer weiter sensibilisieren und sie auf lernförderliche Möglichkeiten, KI einzusetzen, aufmerksam machen.» Denn nur wenn Lehrpersonen ihren Lernenden einen Schritt voraus sind, können sie sinnvolle didaktische Entscheidungen treffen und ihre Schülerinnen und Schüler unterstützen. Dass das Thema auch bei den Studierenden auf Interesse stösst, zeigt sich daran, dass aktuell hierzu mehrere Masterarbeiten entstehen.
-- Marc Fischer --
Auf dem Weg zum KI-Leseprofi
Generative künstliche Intelligenz, basierend auf grossen Sprachmodellen, verändert Lehr- und Lernprozesse grundlegend. Ein Risiko besteht darin, dass bei Schülerinnen und Schülern ein sogenanntes Cognitive Offloading stattfindet: Hierbei werden kognitiv anspruchsvolle Aufgaben an eine KI abgegeben, um eine anstrengende Auseinandersetzung zu umgehen. Zugleich bietet die KI im Bereich Textverstehen auch Möglichkeiten, indem sich Schülerinnen und Schüler mithilfe von strategischen Prompts komplexe Sachverhalte aus multiplen Dokumenten erschliessen können – die KI wird auf diese Weise zu einem lernförderlichen Werkzeug.
Um die Wirksamkeit einer KI auf das Verstehen komplexer Sachtexte zu untersuchen, wurde im Jahr 2025 in der Nordwestschweiz eine Studie mit 182 Schülerinnen und Schülern auf der Sekundarstufe II (durchschnittlich 18 Jahre alt) durchgeführt. Kernelement der Studie war ein kurzes Erklärvideo, das eine kritische, prozessorientierte Nutzung von ChatGPT beim Lesen demonstrierte. Die übergeordnete Fragestellung im Video lautete «Wie kann ich zum KI-Leseprofi werden?» Entlang von vier Leseschritten wurde veranschaulicht, wie der Leseprozess vor, während und nach dem Lesen durch kognitive und metakognitive Strategien reguliert werden kann. Zugleich wurde betont, dass die Outputs kritisch zu hinterfragen sind und die Originaltexte unbedingt zu lesen sind – Prozesse, die Schülerinnen und Schüler gerne vermeiden. Ergänzend erhielten sie eine Prompt-Bibliothek mit Hinweisen zur Prompt-Formulierung, die wiederum den Leseschritten zugeordnet waren. Eine Kontrollgruppe nutzte ChatGPT wie üblich, ohne sich das Video anzuschauen oder die Prompt-Bibliothek zu Rate zu ziehen. Die Lernenden erhielten aber beide Instrumente direkt im Anschluss nach der Datenerhebung.
Die Ergebnisse zeigen, dass das Erklärvideo in Kombination mit der Prompt-Bibliothek einen starken Effekt auf das Prompten hatte: Die Experimentalgruppe formulierte nicht nur mehr Prompts, sondern auch qualitativ hochwertigere, leseprozessbezogenere Prompts. Ergänzend zeigte sich, dass auch die User Experience im Umgang mit ChatGPT in der Experimentalgruppe moderat beeinflusst wurde. Die Kontrollgruppe forderte eher Textvereinfachungen an oder die Originaltexte wurden frühzeitig von der KI zusammengefasst, gekürzt und der Output nicht hinterfragt.
Auffällig war darüber hinaus, dass sich das Textverstehen nur bei jenen Lernenden aus der Experimentalgruppe verbesserte, die sich strikt an die Reihenfolge der Leseschritte aus der Videoinstruktion sowie an die Prompt-Hinweise hielten – also die demonstrierten Strategien in logischer Schrittfolge einsetzten.
Die Studie zeigt somit eindrücklich, dass die Nutzung und kritische Reflexion von KI das Verstehen komplexer Texte durchaus unterstützen kann, wenn dies angeleitet wird. Auf diese Weise wird KI zur Lernbegleiterin. Der nächste wichtige Schritt besteht darin, Lehrpersonen mit der Instruktion vertraut zu machen und die Materialien in den Unterricht und die Ausbildung an der PH zu integrieren.
-- Anke Schmitz, Leiterin Professur für Deutschdidaktik und ihre Disziplinen, Institut Sekundarstufe I und II --
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