Tools wie ChatGPT halten auch im Geschichtsunterricht Einzug – wichtig ist, die Nutzung mit den Schülerinnen und Schülern zu thematisieren, die Resultate zu hinterfragen und Perspektiven zu prüfen.
«Welches Stichwort kommt Ihnen bei ‹Kolumbus› als Erstes in den Sinn?» Diese Frage stellte Anna Reimann ihren Schülerinnen und Schülern vor einiger Zeit im Geschichtsunterricht am Gymnasium Oberwil – und liess zunächst die Schülerinnen und Schüler und dann auch künstliche Intelligenz (KI) antworten. Die Antworten ähnelten sich, «Entdeckung» und «Amerika» waren hoch im Kurs. Im Unterricht setzte sich Reimann mit ihrer Klasse dann mit weiteren Prompts auseinander, um herauszuarbeiten, warum diese Begriffe genannt wurden, und vor allem auch, welche Begriffe fehlen. So nannte das KI-Tool Begriffe wie «Invasion» oder «Gewalt», die bei der Befragung von indigenen Personen genannt wurden, erst auf explizite Nachfrage.
Reimann nutzt im Unterricht Tools wie ChatGPT oder Programme zur Bild-Generierung, setzt diese aber gezielt und sparsam ein. «Wenn ich den Klassen im Gymnasium oder an der FMS im Unterricht die Wahl lasse, ob sie analog oder digital arbeiten wollen, wählen viele Schülerinnen und Schüler die analoge Methode», hat Reimann in letzter Zeit beobachtet. Zu Hause nutze aber sicherlich die Mehrheit KI-Tools zur Recherche oder zum Zusammenfassen von Texten. «Die Realität ist, dass die KI-Tools existieren und sich auch weiterentwickeln. Früher oder später wird es wohl ein Nachteil sein, sie nicht zu brauchen», so Reimann. Ein Stück weit lasse sich das Aufkommen der KI-Tools mit dem Aufkommen von Wikipedia zu Beginn des Jahrtausends vergleichen. «Auch damals musste man den Umgang mit den neuen Möglichkeiten erst lernen.»
Reimann betont aber auch: «Wenn ich KI-Tools wie ChatGPT im Unterricht einsetze, ist es mir wichtig, sie so zu nutzen, dass wir die Resultate diskutieren.» Die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, die Resultate kritisch zu prüfen und auch zu erkennen, wo die Tools einen Bias, also eine Voreingenommenheit aufgrund der Daten mit denen sie lernten, aufweisen.
Resultate und Perspektiven hinterfragen
«Die KI-Tools sind nur so gut wie die Inputs, die sie erhalten haben», sagt Anna Reimann. Und so sei es oft so, dass die Tools Stereotype reproduzierten oder eine einseitige – beispielsweise eurozentristische – Perspektive einnähmen. Allerdings sei diese Problematik nicht neu, betont Reimann. «Auch herkömmliche Lehrmittel nehmen mit ihrer Themen- und Quellenauswahl eine Perspektive ein und auch dort ist es die Rolle der Lehrperson, dies zu thematisieren und die Perspektiven aufzubrechen.» Bei den KI-Tools lasse sich der Bias sogar besser aufzeigen als bei herkömmlichen Lehrmitteln, da man sich im Chat mit ihnen austauschen und präzise Nachfragen stellen kann. «Allerdings ist auch hier wieder Vorsicht geboten, da die Tools die Tendenz haben, den Fragenden zuzustimmen», so Reimann.
Rasantes Tempo bei den Entwicklungen
Andere KI-Tools wie etwa der virale Hit «Chloe vs. History», bei dem ein KI-generierter Avatar Zeitreisen unternimmt und influencermässig aus früheren Zeiten berichtet, hat Anna Reimann im Unterricht bislang noch nicht eingesetzt. «Das hängt aber auch damit zusammen, dass aus meiner Sicht der Mehrwert für Gymnasial- oder FMS-Stufe gering ist.» Schwierig für die Lehrpersonen sei allerdings das rasante Tempo bei den Entwicklungen von neuen Tools und Möglichkeiten. «Das macht es sehr herausfordernd, auf dem Laufenden zu bleiben», so Reimann. Zumal man die neuen Tools jeweils auch erst prüfen und Wege finden müsse, sie sinnvoll in den Unterricht einzubauen.
-- Marc Fischer --
«Zentral ist eine Balance zwischenExperimentierfreudigkeit und Skepsis»
Welches sind die wichtigsten Punkte im Umgang mit KI im Unterricht im Allgemeinen und im Geschichtsunterricht im Speziellen?
Peter Rigert: Entscheidend ist, KI nicht als Selbstzweck einzusetzen, sondern von den Lernzielen auszugehen: Was sollen Schülerinnen und Schüler lernen, verstehen oder können und welche Rolle kann KI dabei sinnvoll übernehmen? KI kann dabei selbst zum Lerngegenstand werden – etwa indem KI-generierte Darstellungen mit historischen Quellen oder fachwissenschaftlichen Darstellungen verglichen werden.
Jan Hodel: Zentral ist eine Balance zwischen Experimentierfreudigkeit und Skepsis. Dafür müssen wir Zeit investieren und Erfahrungen sammeln. Nur eine ehrliche Analyse der Chancen und Risiken eines Tools auf der Basis unserer Erfahrungen hilft uns zu einem sinnvollen Umgang. Auch weniger gelungene KI-Einsätze können wertvolle Lernerfahrungen ermöglichen. Entscheidend ist dann die Reflexion.
Es gibt viele Bedenken – Bias, ethische Fragen, Datenschutz, Ressourcenverbrauch etc. Wie kann man mit diesen umgehen?
Peter Rigert: Diese Bedenken sollten ernst genommen werden, aber nicht dazu führen, KI aus dem Unterricht auszuschliessen. Gerade durch eine aktive und kritische Auseinandersetzung lassen sich viele dieser Fragen bearbeiten. Lehrpersonen und Lernende können KI ausprobieren, ihre Möglichkeiten kennenlernen und bewusst ihre Grenzen erkunden. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur: «Dürfen wir KI einsetzen?», sondern auch: «Unter welchen Bedingungen ist ihr Einsatz pädagogisch, ethisch und rechtlich vertretbar?» Bedenken werden damit nicht zum Ende der Auseinandersetzung, sondern zu ihrem Ausgangspunkt.
Jan Hodel: Genau, wir sollten die Bedenken als Anlass nehmen, die Verwendung in unserem Unterricht, sei es an der PH oder in den Schulen, erst recht zu thematisieren und zu schulen. Nur ein bewusster und reflektierter Umgang mit diesen Bedenken ermöglicht eine sinnvolle Anwendung. Problematisch scheint mir die unkritische Verwendung von KI-Tools genauso wie ein kompletter Verzicht – auch wenn die Bedenken durchaus berechtigt sind.
Wie stark ist das Thema KI im (Geschichts-)Unterricht präsent? Erhalten Sie viele Fragen oder Rückmeldungen von Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden?
Peter Rigert: KI ist inzwischen sehr präsent. Fast alle Lehrpersonen, mit denen wir arbeiten, haben eigene Erfahrungen gemacht, positive wie negative. Dadurch sind die Diskussionen deutlich differenzierter geworden. Im Zentrum steht heute weniger die Frage, ob KI gut oder schlecht ist, sondern unter welchen Bedingungen sie Lernen unterstützt. Auffällig ist, dass Lehrpersonen dabei sehr konsequent die Perspektive der Schülerinnen und Schüler einnehmen. Sie fragen etwa: Fördert dieser Einsatz tatsächlich das Lernen? Werden Jugendliche kognitiv aktiviert oder nehmen wir ihnen Denkarbeit ab? Was müssen sie trotz KI weiterhin selbst können?
Jan Hodel: Ich sehe das ähnlich: KI-Tools sind Teil des Alltags geworden, auch wenn die Erfahrung stark variiert. Manche Studierende nutzen KI intensiv und reflektiert, andere stehen noch am Anfang oder begegnen ihr kritisch. Das gilt weniger für den eigenen Gebrauch als vor allem für einen gewinnbringenden Einsatz im Schulunterricht. In diesem Punkt sind die Studierenden auch sehr an konkreten Vorschlägen interessiert.
Wird der Umgang mit KI im Geschichtsunterricht während des Studiums an der PH FHNW thematisiert? In welcher Form?
Jan Hodel: Wir thematisieren dies in unseren Fachdidaktik-Seminaren recht ausführlich. Dabei sprechen wir sowohl die Nutzung von KI-Tools bei schriftlichen Beiträgen an, die die Studierenden in den Modulen abgeben, wie auch die sich bietenden Möglichkeiten, mit Schülerinnen und Schülern die Chancen und Risiken der KI-Nutzung im Geschichtsunterricht in geeigneter Form zu behandeln.
Gibt es da konkrete Beispiele?
Jan Hodel: Ich kann da beim Kolumbus-Beispiel anknüpfen, von dem Anna Reimann berichtet hat (vgl. Text oben). Wir probieren mit den Studierenden vor allem Anwendungen, bei denen die Perspektivität von historischen Deutungen und Erzählungen deutlich wird. Wir lassen also die KI gezielt nach Gegendarstellungen fragen (z. B. bei der «Entdeckung» Amerikas die Sicht der «Entdeckten») oder nach unterschiedlichen Möglichkeiten der Quelleninterpretation (zum Beispiel unterschiedliche Lesarten und Interpretationen der Hinrichtung von Louis XVI. 1792 – oder generell von Kampfhandlungen in Bürgerkriegen) oder nach Wertungen (z. B. die Schuldfrage im Ersten Weltkrieg aus englischem oder aus deutschem Blickwinkel).
Und wie sieht es in der Weiterbildung von Lehrpersonen aus?
Peter Rigert: Wir setzen bei den Fragen an, die Lehrpersonen und Schulen aktuell beschäftigen: Wie gestaltet man Unterricht mit KI, über KI und trotz KI? Dazu bieten wir Weiterbildungen, Beratungen und längerfristige Schulentwicklungsprozesse an. Gleichzeitig schaffen wir bewusst Räume zum Experimentieren. In innovativen Formaten können Lehrpersonen neue Möglichkeiten erproben, bevor fertige Antworten vorhanden sind.
KI-Tools entwickeln sich rasant. Wie kann man als Lehrperson die Übersicht über all die technischen Entwicklungen und neuen Tools behalten? Muss man das überhaupt?
Jan Hodel: Man sollte sich nicht unter Druck setzen. Jede Lehrperson darf sich im eigenen Tempo mit KI auseinandersetzen. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass wir nur dann informiert mitreden und mitentscheiden können, wenn wir zumindest ansatzweise wissen und verstehen, worum es sich bei diesem neuen Werkzeug handelt und was wir – im Guten wie im Schlechten – davon erwarten können.
Peter Rigert: Lehrpersonen müssen nicht jedes neue Tool kennen. Wichtiger ist das Verständnis grundlegender Konzepte: Was können generative KI-Systeme? Wo liegen ihre Grenzen? Wie verändert sich eine Lernaufgabe, wenn KI verfügbar ist? Welche Formen der Unterstützung fördern Lernen und wann lagern Schülerinnen und Schüler lediglich Denkarbeit an die KI aus? Solche Grundfragen bleiben relevant, auch wenn einzelne Anwendungen verschwinden oder ersetzt werden. Deshalb: Bei den Grundkonzepten stabil sein, bei den konkreten Tools flexibel bleiben.
-- Interview: Marc Fischer --
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