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Critical Diversity Literacy

Kolloquium «Zugänge zu Critical Diversity Literacy durch Kulturvermittlung», Pädagogische Hochschule FHNW

Pädagogische Hochschule


Am Samstag, 6. Oktober 2018, fand das Kolloquium «Zugänge zu Critical Diversity Literacy durch Kulturvermittlung», organisiert von der Professur Kulturvermittlung und Theaterpädagogik, am Campus Brugg-Windisch statt.

Kolloquium_Header.jpg

Studierende (IKU und IP) des dreisemestrigen Modulzyklus «Kulturvermittlung und Theaterpädagogik» aller PH FHNW-Standorte sowie weitere Interessierte waren eingeladen, sich mit Themen der sozialen Diversität auseinanderzusetzen. Ziel war es, im Rahmen künstlerisch inspirierter Workshops in eine handelnd-denkende Bewegung zu gelangen, um soziale Konstruktionen zu hinterfragen und alternative gesellschaftliche Konstellationen zu imaginieren. Nach einem Impulsreferat von Serena Dankwa und anschliessenden gestalterisch orientierten Interaktions-Angeboten, die das Thema mit Methoden des Story-Tellings, des improvisierenden Tanz-Theaters wie auch der visuell-spielerischen Kommunikation bearbeiteten, endete das Kolloquium mit einer von Ulla Klingowsky moderierten Reflexionsrunde. Das Kolloquium ist Teil des Projekts «Lehrinnovationen zu Diversität».

Impulsreferat

In ihrem einleitenden Impulsreferat «Diversity als Konfliktfeld: Diskriminierungskritisch denken lernen» verschränkte Serena Dankwa Auszüge aus einem Buch der Schriftstellerin Toni Morrison mit Zitaten der FHNW zu ihrer Diversity-Politik. Diversity gilt aus ökonomischer Perspektive als eine Ressource, die der globalen Wertschöpfung zudient. Dankwas Argumentation arbeitete heraus, dass ökonomisch ausgelegte Diversity von einer imaginierten Chancengleichheit ausgehe und dabei die sozialen Differenzen und damit verknüpfte Ungleichheit ausblende. Dies kann dazu führen, dass – trotz Bekenntnissen und Papieren zu Diversity auf institutioneller Ebene – bestehende soziale Ungleichheiten, die von individueller Unterschiedlichkeit herrühren, weiter transportiert werden.

Dankwa nahm zudem Bezug auf das CDL-Konzept von Melissa Steyn: CDL gefalle ihr aus mehreren Gründen: Das Wort «Literacy», Lesefähigkeit, so Dankwa, Steyn folgend, trage als Voraussetzung die Idee der Alphabetisierung in sich. Und genau darum gehe es: zu lernen wie unterschiedliche Positionierungen und die damit verbundenen Privilegien oder Benachteiligungen gelesen und (um)geschrieben werden könnten.

Einblicke in das Impulsreferat von Serena Dankwa, Fotos: © Timo Ullmann

Drei Workshops

Im Anschluss an das Impuls-Referat begaben sich die Studierenden in drei verschiedene Workshops, die im Folgenden kurz beschrieben werden.



Einblicke in den Workshop «Der Nutzen unseres Ärgers» mit Serena Dankwa und Bettina Aremu, Fotos: © Timo Ullmann

Workshops

Wie mache ich den Anderen zum Fremden?

Im Workshop mit dem Titel Vom Nutzen unseres Ärgers (Leitung Serena Dankwa und Bettina Aremu) ging es um individuelle Erfahrungen als Subjekt und/oder Objekt von ‚Veranderung‘ und ‚Rassisierung‘: Wie mache ich den Anderen zum Fremden? Wie werde ich zum Fremden gemacht? Serena Dankwa und Bettina Aremu lasen – im abgedunkelten Raum gehend, einzig von Lichtkugeln beleuchtet, eine Art Dialog wiedergebend – Passagen des Textes von Toni Morrison mit dem Titel: «Vom Nutzen unseres Ärgers». Da das vorherrschende Primat des Sehsinns weitgehend aufgehoben war, ermöglichte das Setting die Erfahrung, die eigene Aufmerksamkeit auf das Hören zu verlagern. Im Text angesprochen ist die herausfordernde, zuweilen auch schmerzhafte Tatsache, dass weisse Sozialisierung in einer mehrheitlich weissen Gesellschaft bedeutet, in rassistische Strukturen eingewoben zu sein und diese zu reproduzieren. Morrisons Erzählerin berichtet von einer alltäglichen Episode, die als ein konkretes Beispiel für den Prozess der ‚Veranderung‘ gelesen werden kann. Obwohl Fiktion, bot die Geschichte viele Möglichkeiten, Brücken zum eigenen Erleben zu bauen. In Kleingruppen wurde folgend über Situationen nachgedacht, in denen man selbst Andere zu Fremden gemacht hat oder man selbst ‚verandert‘ wurde. Zum Abschluss des Workshops wurde die Wahrnehmungssensibilisierung für andere im Raum mit einer Aufmerksamkeit für einzelne Aussagen des Textes verknüpft: Ausgelegte Sätze aus dem Text von Toni Morrison wurden der Gruppe von den Teilnehmenden, die durch den Raum flanierten, laut vorgelesen.

Co-kreative Bewegungs- und Begegnungsprozesse

Im Workshop mit dem Titel Diversität in Bewegung lud die Tanzkünstlerin Jo Parkes aus Berlin die Teilnehmenden ein, sich in co-kreativen Prozessen aus vom Tanz-Theater inspirierter Körperarbeit zu begegnen. In ihrer langjährigen Tätigkeit als zeitgenössische Tänzerin hat Jo Parkes mit Menschen aller Altersgruppen und schwergewichtig mit jungen Flüchtlingen eine Tanzsprache entwickelt, die ohne Worte auskommend die Menschen miteinander in Bewegung und Berührung bringt. Es ist eine trauma-sensible Herangehensweise an die Co-Kreativität, die auf ihrer Erfahrung als künstlerischer Leiterin von Mobile Dance basiert. Die Teilnehmenden begegnen sich zuerst ohne Berührung in verschiedenen Varianten von gespiegelten Bewegungsabläufen, bei denen die Führung derselben beiden Teilnehmenden obliegt. In der Folge werden die Begegnungen körperlicher, einfache tänzerische Muster werden nach kleinen choreografischen Anleitungen gemeinsam forschend kreiert. Die Teilnehmenden entwickeln so Schritt für Schritt tastend und experimentierend eine körperliche Empathie, die vom anderen genährt und inspiriert wird. Die Herausforderung, sich in all diesen Settings ‚ohne Worte‘ zu bewegen, zeigt einerseits unsere anfängliche (bildungsbürgerliche) Ratlosigkeit auf, aber auch die Chancen, welche diese Arbeitsweise für Flüchtlinge oder sprachlich schwache Schüler/innen birgt.

Mehr Informationen zu den Projekten

Einblicke in den Workshop «Diversität in Bewegung» mit Jo Parkes, Fotos: © Timo Ullmann

500 Spielkarten in 60 Sprachen, um Menschen verschiedener Herkunft zusammenzubringen

Myriam Rambach, Mitbegründerin des französischen Kollektivs «Diffusion – une forme de la rencontre» stellte das Kunst-Bildungs-Projekt Tapis Volant vor und lud die Teilnehmenden im Anschluss zum Explorieren und Mitspielen ein. In einem co-kreativen Prozess, der Menschen mit Migrationserfahrung involvierte, hat sie 500 Karten in mehr als 60 Sprachen entwickelt. Die Karten dienen als Spielanlage und als Ausgangspunkt für einen Gesprächsaustausch zwischen Menschen verschiedenster Altersgruppen und Sprachen. Die Karten wurden in Ateliers mit Schülerinnen und Schülern, in von Schulen organisierten «Cafés des Parents», in Jugend- und Migrationszentren eingesetzt und wurden auch als Kunstaktionen im öffentlichen Raum sichtbar gemacht.

Myriam Rambach stellte eine Auswahl dieser Karten zur Verfügung, die sie auf dem Boden und auf Tischen als bunte Teppiche ausbreitete. Teilnehmende konnten beim Aufdecken der Karten aus Satzfragmenten Geschichten zusammenfügen oder selbst neue Geschichten erfinden und im Austausch miteinander Ein- und Ausgrenzungen reflektieren, die über Sprache hinweg geschehen. Zudem diskutierten sie über die Konsequenzen ihres eigenen Sprach-Un-wissens im Umgang mit Schülerinnen und Schülern.

Mehr Informationen zum Projekt

Einblicke in den Workshop «Tapis Volant» mit Myriam Rambach, Fotos: © Timo Ullmann

Podiumsdiskussion (Leitung Ulla Klingovsky)

Für die Auswertung und Diskussion der Workshops sassen alle 40 Beteiligten in einem grossen Kreis. Zunächst berichteten die Workshop-Leiterinnen aus ihren Workshops. Die beiden Fragen «Was hat sich in eurem Workshop ereignet?» und «Was und wie habt ihr gearbeitet?» standen dabei im Mittelpunkt des Berichtes. Es wurde kenntlich, dass die drei Workshops für verschiedene Zugänge zur Thematik von Critical Diversity (Literacy) stehen, die alle drei von den Künsten ausgehen. Während im Workshop von Aremu/Dankwa literarische Texte in Form einer inszenierten Lesung als Ausgangspunkt dienten und das Erzählen von autobiographischen Episoden methodisch genutzt wurde, standen im Workshop von Myriam Rambach ein visuell-künstlerischer und im Workshop von Jo Parkes ein tänzerischer Ansatz im Zentrum. Ausgehend von Kunst wurden Situationen kreiert, die es ermöglichten, in relativ kurzer Zeit mit anderen Teilnehmern/innen Erfahrungen zu machen, von denen ausgehend das Thema Diversity reflektiert werden konnte. Die Einstiege und konkreten Erfahrungen aktivierten bestehendes implizites Wissen aus bereits gemachten Erfahrungen in anderen Zusammenhängen.

Fazit

Gemessen an den Voten in der Podiumsdiskussion kann man davon ausgehen, dass mit dem Kolloquium wertvolle Impulse in Bezug auf die Thematik ‚Diversity‘ / antidiskriminatorisches Denken gesetzt werden konnten. Es wurden soziale Konstruktionen als solche erkennbar gemacht und hinterfragt. Zudem wurden Schritte hin zu einer diversitätssensiblen Alltags- und Unterrichtspraxis unternommen.



Einblick in die abschliessende Podiumsdiskussion, Leitung Ulla Klingovsky, Foto: © Timo Ullmann

Weiterführende Informationen

Hauptverantwortung für das Kolloquium CDL: Georges Pfründer. Mitarbeit Organisation: Mark Roth, Andrina Jörg, Bernadette Schneider. Auge von Aussen: Sascha Willenbacher.

Das Kolloquium fand im Rahmen des studiengangübergreifenden Angebots «Kulturvermittlung und Theaterpädagogik» statt. Das Kolloquium ist Teil des Projekts «Lehrinnovationen zu Diversität».

Weitere Informationen zur Professur für Kulturvermittlung und Theaterpädagogik

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