Rassismuskritische Schulentwicklung ist entscheidend für die Förderung von Chancengerechtigkeit, gegenseitigem Respekt und einen diskriminierungsfreien Zugang zu Bildung für alle Kinder. Diese Website gibt Ihnen einen ersten Einblick in die Thematik, stellt aktuelle Studien vor und informiert über geplante Anlässe in der Region Aarau und im Kanton Solothurn, die im Rahmen des Netzwerks «Rassismuskritische Schule» stattfinden. Zusätzlich finden Sie weiterführendes Material und Literaturhinweise zur Vertiefung.
Was ist Rassismus?
Rassismus wird, gestützt auf die Definition der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB) des Bundes, verstanden als «eine Ideologie und/oder Praxis, die Menschen aufgrund ihrer Physiognomie und/oder ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit einteilt und hierarchisiert. Menschen werden nicht als Individuen behandelt, sondern als Mitglieder pseudo-natürlicher Gruppen (‹Rassen›). Als solche werden ihnen kollektive und unveränderbare minderwertige moralische, kulturelle oder intellektuelle Eigenschaften zugeschrieben.»
Diese Praxis zeigt sich nicht nur in ideologisch fundiertem (böswilligem) Handeln, sondern findet oftmals unabsichtlich oder gar unbewusst statt (Alltagsrassismus). So kennt Rassismus viele Gesichter und manifestiert sich gemäss FRB:
- in Vorurteilen, Stereotypen, Feindlichkeit oder Aggressionen
- in Formen institutioneller und struktureller sowie direkter oder indirekter Diskriminierung
- in rassistisch motivierten strafbaren Handlungen (Hassverbrechen) wie Angriffe auf die körperliche Integrität oder das Eigentum von Personen oder Institutionen
- mündlichen und schriftlichen Äusserungen und Hetze, die zu Gewalt, Hass oder Diskriminierung aufstacheln (Hassrede)
Rassismus wird historisch, sozial und kulturell vermittelt und ist in den gesellschaftlichen Strukturen verankert (Struktureller Rassismus). Rassismus ist folglich ein gesamtgesellschaftliches Thema, welches als solches angegangen werden muss.
Rassismus in der Schule
Auch im Schulkontext tritt Rassismus auf verschiedenen Ebenen auf, wie Studien und Berichte aus dem Schweizer Kontext verdeutlichen.
Die Studie Rassismus in Zahlen zeigt auf, dass 1,2 Mio. Personen zwischen 15 und 88 Jahren in der Schweiz in den letzten fünf Jahren rassistische Diskriminierung erfahren haben. Der aktuelle Jahresbericht des Beratungsnetzes macht deutlich, dass der Bildungsbereich der am stärksten von rassistischer Diskriminierung betroffene Lebensbereich ist. So werden die meisten Fälle aus dem Bildungsbereich (22%) und dort mit grossem Abstand aus der obligatorischen Schule (15%) gemeldet. Auch die Grundlagenstudie zu strukturellem Rassismus in der Schweiz (2022) legt dar, dass «trotz formaler Gleichheit die ethnische und soziale Herkunft einen markanten Einfluss auf den Bildungserfolg ausüben.»
Eine Untersuchung der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) im Rahmen des SCALA-Forschungsprojekts ergab, dass Lehrpersonen gegenüber Schüler*innen mit sogenanntem Migrationshintergrund und/oder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien tendenziell tiefere Leistungs- und Anstrengungserwartungen haben – selbst wenn diese die gleichen Leistungen erbringen wie ihre Mitschüler*innen ohne Migrationsgeschichte und/oder aus sozioökonomisch besser gestellten Familien. Diese verzerrten Erwartungen können zu einer Benachteiligung dieser Kinder führen.
Zudem zeigen Abou Shoak und El-Maawi (2020), dass einige Schweizer Deutsch- und Geschichtslehrmittel noch immer stereotype Zuschreibungen und rassifizierte Darstellungen vornehmen. Die Studie Rassismus und Repräsentation gesellschaftlicher Diversität in Lehrmitteln (Affolter, Sperisen et al., 2023), die im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) erstellt wurde, macht deutlich, dass zwar eine zunehmende Sensibilität für rassistische Begriffe und das Thema «koloniale Schweiz» festzustellen ist, die Repräsentation einer (post-)migrantischen, diversen Gesellschaft in Lehrmitteln jedoch nur punktuell erfolgt. So werden rassifizierte Menschen nach wie vor überwiegend in Kontexten wie Armut, Flucht und Asyl oder in räumlich fernen Kontexten dargestellt, während eine vielfältige Repräsentation im alltäglichen Nahraum und als selbstverständlicher Teil der Schweizer Gesellschaft weitestgehend ausbleibt.
Der Antisemitismusbericht (2025) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus sowie die aktuelle Studie zu Antimuslimischen Rassismus (2025) liefern zusätzlich wichtige Erkenntnisse über diese Rassismusformen in der Schweiz und ihre Auswirkungen im schulischen Kontext.
Diese Studien und Befunde unterstreichen die Notwendigkeit, Rassismus im Bildungsbereich auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene zu adressieren, um Chancengerechtigkeit und ein diskriminierungsfreies Lernumfeld für alle Schüler*innen zu gewährleisten. Deshalb braucht es eine rassismuskritische Schulentwicklung, die nicht nur auf individuelle Sensibilisierung setzt, sondern auch bestehende Strukturen, Lehrinhalte und schulische Praktiken kritisch hinterfragt und verändert.
Eine rassismuskritische Schulentwicklung erfordert eine reflektierte Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen, Lehrinhalten und schulischen Praktiken. Sie setzt voraus, dass sich Schulen aktiv mit der Frage befassen, welche Perspektiven in Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien vertreten sind, welche Narrative das Selbstbild der Schüler*innen prägen und welche Massnahmen notwendig sind, um (rassistische) Diskriminierung systematisch abzubauen
Ein zentraler Aspekt ist die Sensibilisierung und Weiterbildung des Kollegiums, um rassismuskritisches Denken und diskriminierungssensible Handlungskompetenzen zu stärken. Darüber hinaus bedarf es einer bewussten Auswahl von diversitätsbewussten Lehrmaterialien, eines rassismus- und diskriminierungskritischen Sprachgebrauchs sowie klar definierter Präventions- und Interventionsstrategien im Umgang mit diskriminierenden Vorfällen. Die Publikation No to Racism (El-Maawi, Owzar & Bur, 2022) bietet in diesem Kontext wertvolle Ansätze und Praxisbeispiele, um Schulen bei der Entwicklung einer rassismuskritischen Schulkultur zu unterstützen. Auch die Überlegungen der US-amerikanischen Kulturtheoretikerin bell hooks liefern zentrale Impulse für eine rassismus- und diskriminierungskritische Bildungspraxis. Mit ihrer «Engaged Pedagogy» (hooks 1994, 2003, 2010; Kazeem-Kamiński 2018) argumentiert sie für eine Abkehr vom neutral gedachten Unterrichtsraum und von vermeintlich objektiven Wissensbeständen hin zu einer Lehr-/Lernpraxis, die Macht- und Ungleichheitsverhältnisse sowie die eigene Situiertheit darin kritisch reflektiert – und Lernende wie Lehrende dazu befähigt, diese Strukturen zu erkennen, zu hinterfragen und zu verändern.
Netzwerk «Rassismuskritische Schule»
In Kooperation mit der Regionalen Integrationsfachstelle Aarau (RIF Aarau) und der Koordinationsstelle Chancengleichheit, Abteilung Gesellschaftsfragen, Amt für Gesellschaft und Soziales des Kantons Solothurn engagiert sich die PH FHNW im Rahmen des Netzwerks «Rassismuskritische Schule.» Das Netzwerk bietet ein Gefäss für Lehr- und Fachpersonen Bildung, um sich mit dem Thema «Rassismus und Schule» auseinanderzusetzen, weiterzubilden und sich untereinander zu vernetzen.
Region Aarau
Dazu gehören derzeit Aarau, Biberstein, Buchs, Hirschthal, Hunzenschwil, Kölliken, Küttigen, Muhen, Oberentfelden, Suhr und Unterentfelden.
Das Netzwerk trifft sich vier Mal im Jahr. Für das Jahr 2026 sind noch folgenden Termine und Themen vorgesehen:
Interaktionen mit Kindern vorurteilsbewusst und rassismuskritisch gestalten
Lalitha Chamakalayil (FHNW)
- Donnerstag, 24. September 2026, 17.30–20.00 Uhr
- Rathaus Aarau
Anti-Muslimischer Rassismus
Noemi Trucco (Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft SZIG der Universität Fribourg) und Awaz Saleh (Interkulturelle Dolmetscherin und Vermittlerin im Schulbereich)
- Donnerstag, 3. Dezember 2026, 17.30–20.00 Uhr
- Rathaus Aarau
Weitere Informationen zu den einzelnen Anlässen und zur Anmeldung finden Sie unter Netzwerk Rassismuskritische Schule und im Flyer.
Kanton Solothurn
Das Netzwerk trifft sich drei Mal im Jahr. Für das Jahr 2026 sind noch folgenden Termine und Themen vorgesehen:
Formen von Rassismus und Grundmechanismen des «Othering»
Die Details zum Termin und Ort folgen.
Weitere Informationen zu den einzelnen Anlässen und zur Anmeldung finden Sie unter Bekämpfung von Diskriminierung und im Flyer.
Weiterbildungsangebote der PH FHNW
Die PH FHNW bietet im Jahr 2026 eine Weiterbildung für Lehrpersonen zum Thema «Antirassismus im Schulalltag – Rassismus entgegenwirken und Zugehörigkeit fördern» mit der Expertin Dr. Elsy Estefania Jaramillo Cuero an.
Im Jahr 2027 wird eine Weiterbildung zum Thema «Rassismus» für Schulleitungen angeboten. Die Ausschreibung erfolgt im September 2026.
Zudem ermöglicht das PH FHNW-Projekt «KyRa» schulhausinterne Weiterbildungen zu unterschiedlichen Themen zu buchen.
Weitere Informationen und Materialien zum Thema Rassismus
Anlauf- und Beratungsstellen in den Kantonen
In den Kantonen gibt es verschiedene Anlauf- und Beratungsstellen zum Thema Rassismus und rassistische Diskriminierung. Eine Übersicht der Beratungsstellen finden Sie hier:
Beratungsstellen
Literaturempfehlungen (Auswahl)
- Coffey, J., & Laumann, V. (2023). Gojnormativität: Warum wir anders über Antisemitismus sprechen müssen. Verlag Assoziation A.
- Bönkost, J. (2023). Kritisch weiß sein: Eine Anleitung zum Mitmachen. Unrast Verlag.
- DiAngelo, R. (2018). Weisse Zerbrechlichkeit: Warum es so schwer ist, mit Weißen über Rassismus zu sprechen. Carl Hanser Verlag.
- El-Maawi, R., Owzar, M., & Bur, T. (2022). No to Racism: Grundlagen für eine rassismuskritische Schulkultur. hep Verlag.
- Fereidooni, K., & Simon, N. (Hrsg.). (2022). Rassismuskritische Fachdidaktiken: Theoretische Reflexionen und fachdidaktische Entwürfe rassismuskritischer Unterrichtsplanung (2. Aufl.). Springer VS.
- Glover, A. N. (2025). Was ich dir nicht sage.
- Hasters, A. (2019). Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Hanserblau.
- «Jenische-Sinti-Roma» Arbeitsgruppe. (2023). Jenische, Sinti, Roma: Zu wenig bekannte Minderheiten in der Schweiz. Münster Verlag.
- Keskinkılıç, O. Z. (2021). Muslimaniac: Die Geschichte eines Feindbildes. Edition Assemblage.
- Marmer, E., & Sow, P. (Hrsg.). (2015). Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht: Kritische Auseinandersetzung mit «Afrika»-Bildern und Schwarz-Weiß-Konstruktionen in der Schule – Ursachen, Auswirkungen und Handlungsansätze für die pädagogische Praxis. Beltz Juventa.
- Nguyen, H. (2022). Das Ende der Unsichtbarkeit: Warum wir über antiasiatischen Rassismus sprechen müssen. Kiepenheuer & Witsch.
- Ogette, T. (2017). Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen. Unrast Verlag.
- Ogette, T. (2021). Und jetzt du: Rassismuskritisch leben. Unrast Verlag.
- Roig, E. (2021). Why we matter: Das Ende der Unterdrückung. Aufbau Verlag.
Literatur und Materialien für die rassismuskritische Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen (Auswahl)
- Apraku, J. (2023). Lasst uns über Rassismus reden! 60 Karten für einen rassismuskritischen Alltag. Familiar Faces Verlag.
- Apraku, J. J., Bönkost, J., & To, M. (2022). Rassismus geht uns alle. Unrast Verlag.
- Apraku, J. J., & Le, H. (2022). Wie erkläre ich Kindern Rassismus?. Atrium Verlag.
- Devenny, J., & Gordon, C. (2023). Race Cars – Ein unfaires Rennen: Gemeinsam über weiße Privilegien und Rassismus sprechen. Penguin JUNIOR Verlag.
- Fajembola, O., & Nimindé-Dundadengar, T. (2021). Gib mir mal die Hautfarbe: Mit Kindern über Rassismus sprechen. Beltz Verlag.
- Fajembola, O., & Nimindé-Dundadengar, T. (2022). Mit Kindern über Diskriminierungen sprechen. Beltz Verlag.
- Guy, S., & Lutz, A. L. (2026). Anti-Rassismus für Schülerinnen: Unterrichtsmaterial für rassismuskritische Arbeit und Demokratiebildung in der Schule*. Verlag an der Ruhr.
- Hödl, S., Amofa-Antwi, P., & Völker, E. C. (2022). Steck mal in meiner Haut!. Carlsen Verlag.
- Jablonski, N., & McGee, H. Y. (2024). Es ist doch nur Haut. Gratitude Verlag.
- Jenische, Sinti, Roma: Zu wenig bekannte Minderheiten in der Schweiz. www.set.ch/jenische-sinti-roma
- Jewell, T. (2020). Das Buch vom Antirassismus. Loewe Verlag.
- Lutz, A. L. (2022). Mit Grundschulkindern über Diskriminierung und Rassismus sprechen. Verlag an der Ruhr.
- Muhammad, I. (2020). Das stolzeste Blau: Eine Geschichte über Hijab und Familie. Orlanda Verlag.
- Nyong’o, L. (2021). Sulwe. Mentor Verlag.
Projekte und Materialien
- Das Wandbild muss weg: Dieses Projekt setzt sich mit dem schweizerischen Kulturerbe der Kolonialzeit auseinander und stellt Materialien für Recherche und Unterricht zur Verfügung.
- Geschichtsunterricht postkolonial: Diese Plattform bietet Lehrpersonen Informationen, Quellen und Unterrichtsmaterialien, die sich mit Globalgeschichte und postkolonialen Ansätzen beschäftigen.
- Kollektiv Kritischer Lehrpersonen Zürich: Das Kollektiv Kritischer Lehrpersonen Zürich setzt sich für eine diskriminierungskritische und machtsensible Bildung ein.
- Landesmuseum Zürich: Das Landesmuseum Zürich bietet im Rahmen der Ausstellung «kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz» Materialien für Schulklassen an.
- No to Racism: Die Plattform bietet Informationen, Materialien und ein Glossar zur Förderung einer rassismuskritischen Schulkultur.
- Verein Diversum: Der Verein setzt sich für rassismuskritisches Denken ein und bietet Weiterbildungen, Workshops sowie Beratungen an. Zudem organisiert er Vernetzungstreffen für rassismusbetroffene Menschen und Verbündete.
- vor.bilder.bücher: Ein Projekt, das sich für die Sichtbarkeit von Diversität in der Kinder- und Jugendliteratur einsetzt. Über Instagram werden regelmässig Buchempfehlungen geteilt, die vielfältige Lebensrealitäten abbilden.
- Zitatkarten der GRA: Die GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus stellt online Zitatkarten zur Verfügung, die prägnante Aussagen zu Rassismus, Antisemitismus und Menschenrechten enthalten. Diese Karten eignen sich zur Sensibilisierung für den Einsatz im Unterricht.
