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17.04.2020 | Pädagogische Hochschule

Forschen, ein kindliches Bedürfnis

Professorin Svantje Schumann hat das Projekt «Kinder forschen an der FHNW» initiiert, bei dem das forschend-entdeckende Lehren und Lernen im Zentrum steht. Nun war eine erste Schulklasse für die Pilotdurchführung auf dem Campus in Muttenz.

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Gemeinsam forschen: Studierende der PH dekonstruieren mit Schülerinnen und Schülern Velos nach allen Regeln der Kunst. Foto: Matthias Dietiker

Fünf Velos sind eingespannt in jeweils einen Montageständer, Werkzeug liegt bereit, von draussen drückt die Frühlingssonne, die anzeigt, es ist wieder Velosaison. Wir befinden uns aber nicht in einer Reparaturwerkstatt, sondern im ersten Stock des modernen FHNW-Campus Muttenz in einem Vorlesungsraum bei Svantje Schumann, Professorin für Sachunterrichtsdidaktik, die sich mit den Studierenden, allesamt angehende Primar-Lehrpersonen, auf den anstehenden Besuch einer Schulklasse vorbereitet.

Die Gruppe diskutiert das Vorgehen für den Nachmittag, fragt sich, was didaktisch sinnvoll ist, um mit den Schülerinnen und Schülern das Thema Velo zu thematisieren und zwar mit einem forschend-entdeckenden Ansatz. «Der Sachunterricht ermöglicht es, Lehrpersonen gemeinsam mit der Klasse neue Horizonte zu erschliessen.

Dabei kann es auch sein, dass Lehrpersonen bloss einen kleinen Wissensvorsprung haben», erklärt Schumann und rät, «die Kinder also nicht mit Arbeitsblättern zudecken, sondern sich situativ und spontan dem Gegenstand nähern». Eine Studentin fragt zurück: «Aber was machen wir, wenn wir auf die Fragen der Kinder keine Antwort wissen?» und spricht damit eine Grundhaltung an, die für das forschende Lehren und Lernen entscheidend ist. Die Studierenden diskutieren und kommen zum Schluss: «Vom Nicht-Wissen ausgehen.»

Das Forschen entspricht den kindlichen Bedürfnissen

Dieser Startpunkt ist allen wissenschaftlichen Erkundungen gemein und kann auch für die Schule sehr produktiv sein: Svantje Schumann, die das Projekt «Kinder forschen an der FHNW» initiiert und nun in einer ersten Pilotdurchführung eine Schulklasse eingeladen hat, sagt: «Das Forschen entspricht den kindlichen Bedürfnissen. Dabei ist die Schule in der Pflicht, diese Neugier zu schützen und zu erhalten und nicht durch verfrühtes Systematisieren abzuklemmen.»

Das pädagogische Verständnis hinter diesem Ansatz sei, vom Kleinen auf das Grosse zu schliessen, «also zuerst richtig in die Materie einzutauchen und alles Theoretische folgen lassen». Mit dieser Herangehensweise können nicht nur das Velo, sondern auch diverse Themen aus Ökologie und Technik thematisiert werden (s. Fachbeitrag). So sieht das Projekt denn auch Workshops zu ganz unterschiedlichen Themen vor.

Mittlerweile ist die Klasse der Primarschule Muttenz mit ihrer Lehrerin Egzona Xhemajlaj, ihrerseits frische PH-Absolventin, angekommen, und die Schülerinnen und Schüler sind bereit, die Velos buchstäblich und auch im übertragenen Sinn zu dekonstruieren: Sie dürfen die Räder in ihre Einzelteile zerlegen und dabei so vorgehen, wie sie möchten. Wer bis hierhin dachte, Veloreparieren hätte nichts mit Wissenschaft zu tun, hat entweder noch nie am Velo rumgeschraubt oder ein etwas angerostetes Wissenschaftsverständnis.

Denn was nun folgt, zeigt, dass über das Objekt Velo das ganze disziplinäre Spektrum von Geistes- bis zu Naturwissenschaft thematisiert werden kann. Während die Kinder sich in Gruppen um je ein Velo versammeln und sich absprechen, wie man am einfachsten die Kette vom Rad entfernt, bilden sie Hypothesen und falsifizieren sie solange, bis eine funktioniert. Ist eine Schraube festgehockt, dann hilft nur ein grösserer Hebel. Es fällt auf, wie integrativ die Arbeit am Rad ist: Es herrscht eine konzentrierte Heiterkeit, alle beziehen einander ein, kein Kind steht abseits.

Studierende arbeiten wissenschaftlich

Die Studierenden der PH assistieren, wo nötig, geben kleine Anregungen, etwa, dass auch eine abgeschraubte Klingel noch weiter zerlegt werden kann und sie beobachten gleichzeitig die sozialen Dynamiken, die im Zusammenspiel unter den Schülerinnen und Schülern und entstehen. Ein paar Studierende filmen einzelne Sequenzen, um später verschiedene Interaktionsformen zwischen den Schülern und Schülerinnen und den Beteiligten genauer zu analysieren. «Es bestehen teilweise deutliche Unterschiede zwischen den Schülern. Einige haben noch nie an einem Rad herumgebastelt, während andere bereits ein sehr differenziertes und spezifisches Vokabular mitbringen, was ein Hinweis auf ihre sozialen Hintergründe sein könnte», sagt Michèle Steck, die im 6. Semester studiert und bereits in einem kleinen Pensum als Lehrerin arbeitet.

Wissenschaftlich sei die Videoanalyse interessant und die Erkenntnisse auch im Lehrberuf relevant: «Mir hilft dieses Setting, mal in die Sicht der Kinder einzutauchen, um verstehen zu können, was zwischen ihnen abläuft.» Michèle Steck kann es sich vorstellen, ein paar Jahre nach ihrem PH-Abschluss weiterzustudieren, etwa noch einen Master in Sonderpädagogik oder Educational Sciences zu absolvieren. «Ich möchte beides, Wissenschaft und Praxis, miteinander verbinden.»

Miteinander auf Augenhöhe

Ihrem Kollegen Michael Roschi, der im 3. Semester studiert, gefällt dieses Unterrichtskonzept, das stark auf die praktische Auseinandersetzung fokussiert: «Ich könnte mir gut vorstellen, später mit meinen Klassen den Sachunterricht auch so zu gestalten. Als Lehrperson transparent und authentisch mit dem eigenen Wissensstand umgehen, das kann die Kinder ja auch zusätzlich motivieren – wenn sie merken, der Lehrer geht mit uns auf Augenhöhe und mit demselben Interesse an die Sache heran.»

Die Velos wieder zusammenzuschrauben, dafür hat die Zeit für die Schülerinnen und Schüler nicht mehr gereicht. Die Einzelteile wird der Velomechaniker abholen, der die Räder der Pädagogischen Hochschule FHNW freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Gemäss der Lehrerin Egzona Xhemajlaj wird das Thema Velo die Klasse aber schon noch etwas beschäftigen: «Wir werden uns musisch und kreativ weiter damit auseinandersetzen. Mir hat gefallen, wie angstfrei und selbstbewusst die Schülerinnen und Schüler vorgegangen sind.» Sie ist überzeugt, dass die Kinder viel von diesem Nachmittag mitnehmen und hofft, dass sie wieder an den PH-Workshops mit ihrer Klasse teilnehmen kann.

- Michael Hunziker -

Innovative Unterrichtsmethoden eröffnen neue didaktische Wege

Prof. Dr. Svantje Schumann Leiterin Professur Didaktik des Sachunterrichts an der Pädagogischen Hochschule FHNW

Mit dem Programm «Kinder forschen an der FHNW» laden wir Lehrpersonen mit ihren Primarschulklassen an die Pädagogische Hochschule FHNW ein, um im Rahmen von Lehrveranstaltungen zusammen mit den Studierenden, PH-Dozierenden sowie anderen FHNW-Hochschulmitarbeitenden oder Kooperationspartnern der FHNW forschend-entdeckend zu lehren und lernen. Die Kinder erleben die FHNW dabei von innen, schnuppern Hochschulluft und erfahren, wo Menschen bestimmter Berufsgruppen ausgebildet werden. Sie lernen Expertinnen und Experten und ihre Arbeitsfelder und -orte «live» kennen.

Intensiver Dialog zwischen Schule und Lehrpersonenbildung

Dadurch wird der Dialog zwischen Praxis und Lehrpersonenbildung intensiviert. Denn für Letztere ist es einerseits wichtig, dass neue Erkenntnisse aus der bildungswissenschaftlichen, fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Forschung in die Praxis gelangen und andererseits, dass die Erfahrungen, Fragestellungen und Problemlösungsbedürfnisse der Praxis in die Forschung der Fachdidaktik gelangen. Wissenschaft und Praxis sollten sich nicht «dreinreden», aber miteinander im Dialog sein und Bildung gemeinsam im Sinne des Wohles der Kinder und ihrer Bedürfnisse weiterdenken und -entwickeln.

Idealerweise entstehen durch diese Begegnungen innovative Unterrichtsmethoden, mit denen didaktisch neue Wege beschritten werden können, um Kindern Zugänge zur Welt zu ermöglichen. Das Programm bietet die Gelegenheit, neue Formate, Methoden und Unterrichtsmaterialien zu konzipieren und einzusetzen – und im Anschluss gemeinsam zu diskutieren. Die Studierenden können durch das Projekt Bildungsanlässe unter einer gezielten Fragestellung planen, durchführen und reflektieren. Sie setzen sich, begleitet durch Dozierende, wissenschaftlich mit Beobachtungen einzelner Bildungssequenzen auseinander und erarbeiten sich analytische Methoden, die sie später im Unterricht nutzen können.

Oberstes Ziel des Projektes ist, dass Kinder das forschend-entdeckende Erschliessen von Gegenständen und Phänomenen erfahren können. Denn diese Verstehensprozesse führen dazu, dass Kinder sich zunehmend in der Welt orientieren können – sie entwickeln sich zu stabilen Persönlichkeiten, die in der Lage sind, Interpretationen zu generieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und am gesellschaftlichen und politischen Diskurs teilzunehmen.

Vom Sinnlichen zum Begrifflichen

Die sinnliche Erschliessung von Phänomenen bildet in der Primarstufe einen wichtigen Ausgangspunkt. Erst im zweiten Schritt folgt das begriffliche Erschliessen – Begriffe müssen gefunden, Dinge beschrieben und untersucht sowie Fragen gestellt werden. Kindern Möglichkeiten zu geben, dass sie von ihrer Neugier geleitet von der Ebene des sinnlichen Begreifens mit Hilfe ihrer je individuellen Strategien und Herangehensweisen bis zur Ebene des kognitiven Begreifens vordringen, steht im Zentrum des Programms.

Als willkommenen Nebeneffekt bringt das Programm unterschiedlichste Kooperationen hervor – durch die Zusammenarbeit verschiedener FHNW-Hochschulen untereinander sowie mit anderen Bildungspartnern kommt ein fruchtbarer interdisziplinärer Austausch zu Stande, von dem letztlich alle profitieren. So wurde das Programm etwa im Fall des Velo-Workshops von der Interessengemeinschaft Pro Velo begleitet. Aus dieser Begegnung zwischen Studierenden, Dozierenden verschiedener Studiengänge und Hochschulen entstand für die Kinder ein Bildungsformat, das handlungs-, dialog- und erlebnisorientiert ist.

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