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Age-Tech für mehr Sicherheit im Alter

Smarthome-Anwendungen für Betagte sind zunehmend gefragt. Wie der Markteintritt trotz starker Konkurrenz gelingt, haben Forschende der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW am Beispiel eines KMUs untersucht. Dabei zeigte sich: Nicht nur die technische Vielfalt eines Produkts entscheidet.

Sie sollen den Alltag erleichtern, vor Unfällen schützen oder im Notfall dafür sorgen, dass Hilfe schnellstmöglich zur Stelle ist: digitale Notrufsysteme und andere speziell für Senior*innen entwickelte Technologien, kurz Age-Tech genannt. Auch das Schweizer Startup CARU AG will mit seinem Produkt den Alltag betagter Menschen sicherer gestalten und ihnen so ein Stück Unabhängigkeit bewahren. Dafür hat das Unternehmen ein intelligentes Kommunikationssystem entwickelt, welches das Smarthome-Segment um einen modernen Ersatz für Notrufknöpfe erweitern soll. Über einen Sensor von der Grösse eines Apfels können Betagte im Notfall mit dem einfachen Ruf «Hilfe, Hilfe!» das Pflegepersonal alarmieren – ein klarer Vorteil gegenüber klassischen Notrufknöpfen, welche die Hilfesuchenden nach einem Sturz oft nur schlecht oder gar nicht erreichen können. Zusätzlich zum Hilferuf kann das Produkt der CARU AG noch Sprachnachrichten versenden sowie die Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Luftqualität und Helligkeit im Raum messen.


Age-TechMit dem einfachen Notruf «Hilfe, Hilfe!» wird der CARU-Sensor aktiviert, sodass Pflegepersonal alarmiert werden kann. (Bild: Tobias Siebrecht)

«Das KMU war damit perfekt aufgestellt», sagt die Wirtschaftspsychologin Anne Herrmann von der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW: «Eine tolle Idee, ein funktionierendes Produkt und ein wachsender Markt – doch mit welcher Strategie erobert man ihn am besten?» Um sein Produkt optimal zu positionieren, hat sich das Unternehmen mit finanzieller Unterstützung der Age-Stiftung daher an die FHNW gewandt. Herrmann und ihr Team haben die Entscheidungsprozesse untersucht, die bei der Einführung neuer Age-Tech in einem B2B-Sektor mit sehr unterschiedlichen Anspruchsgruppen stattfinden. Im Fokus der Analyse lag der Akquise-Prozess des Unternehmens. Um herauszufinden, wie die verschiedenen Anspruchsgruppen die Vor- und Nachteile des Produkts subjektiv wahrnehmen, haben die Forschenden entscheidungstragende Personen von elf Alters- und Pflegeeinrichtungen befragt.

Ungenutzte Chancen

Der Forscherin fiel auf: Obwohl Age-Tech Produkte das Altern sicherer und selbstständiger machen, scheint es eine Herausforderung zu sein, sie in der Gesellschaft ankommen zu lassen. «Age-Tech bietet viele technische Möglichkeiten und wird oft als Antwort auf die Überalterung der Bevölkerung verstanden», sagt Herrmann, «aber die Akzeptanz und Durchdringung auf dem Markt sind noch sehr gering» – ein Phänomen, das sie mit ihrem Team näher untersuchte. So fanden die FHNW-Forschenden heraus, dass moderne Age-Tech Lösungen wie das Produkt der CARU AG beim Pflegepersonal für existentielle Ängste sorgen. «Die Mitarbeitenden erkennen zwar, dass Notrufsysteme sie bei ihrer Arbeit unterstützen können, fürchten aber gleichzeitig, ersetzt zu werden», berichtet die Forscherin. Daher sei es nicht verwunderlich, dass das Personal den neuen Technologien zunächst einmal misstraue.

«Age-Tech bietet viele technische Möglichkeiten und wird oft als Antwort auf die Überalterung der Bevölkerung verstanden. Aber die Akzeptanz und Durchdringung auf dem Markt sind noch sehr gering.»

Prof. Dr. Anne Herrmann, Wirtschaftspsychologin und Leiterin des Instituts für Marktangebote und Konsumentscheidungen

Ausserdem zeigte die Studie, dass einige Pflegende und Betreuungspersonen auch Bedenken zur Sicherheit eines solchen Systems haben. Age-Tech Geräte müssen zuverlässig auf die jeweiligen Sprachbefehle reagieren, ohne Fehlalarme auszulösen. Eine stabile und sichere Verbindung mit dem Internet sowie ein guter Rundum-Service durch die Firma sind daher unabdingbar.

Auch der Datenschutz ist vielen Befragten ein grosses Anliegen. Zudem dürfen neue Produkte weder für das Personal noch für die Pflegeeinrichtung grosse finanzielle oder zeitliche Mehraufwände verursachen. Im besten Fall sollten sie die Effizienz sogar steigern. Und damit auch Bewohnerinnen und Bewohner mit Einschränkungen das Notrufsystem verlässlich nutzen können, muss das Gerät einfach zu bedienen sein.

Der Schlüssel: Präzises Marketing

«Es gibt nicht DAS Alterswohnen. Die Einrichtungen unterscheiden sich sehr in ihren Bedürfnissen und Anforderungen an ein Notrufsystem, je nachdem, ob es sich um eine Pflegeeinrichtung, eine betreute Wohnanlage oder eine Alterswohnsiedlung handelt», erklärt Herrmann. Die im Marketing übliche Einteilung der Einrichtungen nach ihrer Bettenanzahl hat sich laut den Forschungsergebnissen nicht bewährt: Sie bildet die verschiedenen Marktsegmente mit ihren jeweiligen Anforderungen nicht differenziert genug ab. Für das Startup sei es aber wichtig, gezielt auf die jeweiligen Bedürfnisse der potentiellen Kundschaft einzugehen. «Bisher haben die Jungunternehmer der CARU AG immer möglichst viele verschiedene Funktionen ihres Smarthome-Produkts kommuniziert», so die Wirtschaftspsychologin, «einige Zielgruppen interessieren sich aber vielleicht nur für den Notruf. Diese Hauptfunktion darf also nicht in all den anderen Funktionen untergehen».

Ihre Erkenntnisse haben die Forschenden in Form von Handlungsempfehlungen an die CARU AG weitergeben. Sicher und zuverlässig muss das Produkt sein, einfach bedienbar und möglichst günstig. Age-Tech Anbieter sollen genau definieren, wen genau sie als Kunden ansprechen wollen und – daraus abgeleitet – welche Bedürfnisse erfüllt werden sollen. Die ersten Empfehlungen wurden bereits von der CARU AG umgesetzt. So wurde etwa die Webseite angepasst und der intern genutzte Sales-Guide weiterentwickelt. Hierbei wird die potenzielle Kundschaft basierend auf der neuen Segmentierung gezielter abgebildet. Herrmann und ihr Team haben so eine Grundlage geschaffen, die künftig auch anderen Age-Tech Anbietern helfen kann, betagten Menschen ein selbstbestimmtes, sicheres Leben zu ermöglichen.

Der Artikel stammt aus dem FHNW eMagazin / März 2021.

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